Sexualisierte Gewalt als Kriegswaffe

„Frauenkörper sind zu einem Schlachtfeld geworden.“ Als ich diese Worte des kongolesischen Arztes und Friedensnobelpreisträgers Denis Mukwege hörte, zog sich etwas in mir zusammen. Wegen der Brutalität des Bildes, weil es die Wirklichkeit so präzise trifft – und weil es schmerzhaft bleibt, wie viel wir über sexualisierte Gewalt wissen und wie wenig wir ihr entgegenstellen.

Es zeigt sich, wie eng diese grausame Form der Gewalt mit den globalen Entwicklungen verknüpft ist. Kriege, Konflikte und Flucht prägen unseren politischen Alltag, und besonders Frauen und Kinder tragen die schwersten Folgen. Sexualisierte Gewalt im Krieg ist keine Begleiterscheinung, sie ist Methode. Eine Strategie, die darauf abzielt, Menschen zu brechen, Gemeinschaften zu zerstören und Macht zu demonstrieren. Zwar wird sie völkerrechtlich geächtet, doch die Taten geschehen weiter. Oft im Verborgenen, getragen von der Erwartung, nie zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Es gibt bereits wichtige Schritte hin zu mehr Gerechtigkeit und Anerkennung des Leids der Betroffenen. Beispielsweise verabschiedeten im Mai diesen Jahres die gemeinsame Untersuchungsmission der Afrikanischen Menschenrechtskommission und die unabhängige Erkundungsmission der Vereinten Nationen für Sudan die sogenannte „Banjul Joint Declaration on Sudan“. Sie befasst sich mit einem der verheerendsten Konflikte der Gegenwart: dem Krieg zwischen den Rapid Support Forces (RSF) und den Sudanesischen Streitkräften (SAF). Darin werden beide Seiten für schwere Verstöße gegen das Völkerrecht verantwortlich gemacht, darunter auch systematische sexualisierte Gewalt.

Die Dokumentation dieser Verbrechen ist wichtig. Doch sie allein reicht nicht aus. Frauen und Kinder brauchen langfristige, verlässliche Unterstützung. Die von der Bundesregierung bereitgestellten zusätzlichen 16 Millionen Euro für humanitäre Hilfe im Sudan müssen dabei auch den lokalen Frauenrechtsorganisationen zugutekommen, die vor Ort täglich gegen diese Gewalt ankämpfen.

Vor nicht allzu langer Zeit sprach ich im Bundestag mit Dr. Monika Hauser von medica mondiale e. V. und Dr. Parnian Parvanta von Ärzte ohne Grenzen Deutschland. Sie berichteten von Frauen, die unter Kriegsbedingungen kaum medizinische Hilfe erreichen – weil Kliniken zerstört wurden, Personal fliehen musste oder Scham und Angst den Weg zur Versorgung versperren. Hinter jedem dieser Fälle stehen Erfahrungen von Flucht, Verlust sowie körperlicher und sexualisierter Gewalt. Die Wunden bleiben oft ein Leben lang und reichen bis in die nächste Generation. Viele Betroffene kämpfen zudem mit Stigmatisierung und Schweigen. Dr. Hauser brachte es eindrücklich auf den Punkt: „Was nicht betrauert werden kann, wirkt in der Tiefe weiter.“

Sexualisierte Kriegsgewalt ist kein Problem ferner Konflikte. Auch in Europa sind Menschen von Kriegsverbrechen betroffen. Bei einem Austausch im Mai sprach ich im Bundestag mit Liudmyla Huseinova aus der Ostukraine. Sie verbrachte drei Jahre in russischer Gefangenschaft und erlebte tagtäglich, was es bedeutet, Angst, ständiger Bedrohung und sexualisierter Gewalt ausgesetzt zu sein. Nach ihrer Freilassung im Rahmen eines Gefangenenaustauschs gründete sie die Nichtregierungsorganisation Numo, Sestry!, in der sich Frauen engagieren, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben und sich für die Unterstützung anderer Betroffener einsetzen.

Denn es ist wichtig, diejenigen einzubeziehen, die die Realität am unmittelbarsten kennen: die Zivilgesellschaft und die Betroffenen selbst. Sie erkennen Warnsignale früh und wissen, wo Hilfe gebraucht wird und welche Maßnahmen tatsächlich Wirkung haben. Die Resolution 1325 der Vereinten Nationen greift diesen Gedanken auf: Frauen müssen an Friedens- und Sicherheitsprozessen beteiligt werden. Die internationale Gemeinschaft muss diese Resolution und die Agenda „Frauen, Frieden und Sicherheit“ entschlossen umsetzen.

Wir können die Gewalt nicht ungeschehen machen. Aber wir können entscheiden, ob wir konsequent an Schutz, Anerkennung und echten Perspektiven arbeiten. Wenn wir sexualisierte Gewalt in Konflikten wirklich bekämpfen wollen, müssen wir Verbindlichkeit schaffen, klare Strukturen stärken und echte Teilhabe ermöglichen. Nur dann können wir dem Anspruch gerecht werden, Frauen und Kindern nicht nur Solidarität zu versprechen, sondern sie wirksam zu unterstützen.