Empört Euch!

Wie soziale Medien unsere politische Debatte verändern.

Ich bin überzeugt davon, dass gesellschaftliche Veränderung nur gelingt, wenn Menschen sich einmischen und für ihre Überzeugungen eintreten. Soziale Medien bieten dafür heute wirkungsvolle Möglichkeiten.

Auch ich nutze soziale Medien. Sie gehören längst zu unserem politischen Alltag. Sie machen Informationen zugänglich, geben Menschen eine Stimme, schaffen Öffentlichkeit und ermöglichen politische Mobilisierung. Viele soziale Bewegungen der vergangenen Jahre hätten ohne sie nicht dieselbe Reichweite erreicht.

Gerade deshalb irritiert mich zunehmend, wie Politik in sozialen Medien verhandelt wird. Immer häufiger geht es weniger darum, einen politischen Vorschlag zu verstehen, als möglichst schnell eine Haltung dazu einzunehmen. Eine Reform wird angekündigt, und noch bevor ein Gesetzentwurf vorliegt, ist sie für die einen der Untergang des Gesundheitssystems, für die anderen ein Angriff auf die Demokratie und für die nächsten der Beweis für das Versagen der Regierung. Politik wird nicht erst analysiert, sondern sofort skandalisiert. Dazu kommt ein zunehmender Bekenntniszwang: Man soll nicht nur informiert sein, sondern sich augenblicklich und möglichst eindeutig positionieren.

Dabei lohnt sich ein Blick auf das im Jahr 2010 veröffentlichte Büchlein von Stéphane Hessel. Mit dem Titel Empört euch! mobilisierte er damals viele Menschen. Seine Botschaft war klar und eindringlich: Wir dürfen uns an Ungerechtigkeit nicht gewöhnen. Empörung kann der Anfang politischen Handelns sein. Unrecht erkennen, sich nicht abfinden, empören, gemeinsam handeln, verändern.

In der digitalen Öffentlichkeit hat sich diese Logik verändert: Skandal, Empörung, Klick, Kommentar, Teilen – und sofort wieder vergessen. Schließlich kommt schon der nächste Skandal. Das Problem ist nicht, dass Menschen emotional reagieren. Problematisch wird es dort, wo Empörung zur Währung, zum Geschäftsmodell und zur politischen Strategie wird.

Soziale Medien leben von Aufmerksamkeit. Angst und Wut erzeugen diese besonders zuverlässig. Konflikt, Zuspitzung und Skandalisierung sind oft die Folge. Eine differenzierte Erklärung braucht Zeit. Ein Skandal braucht nur einen Satz. Eine komplizierte Reform braucht viele Seiten. Eine Empörung manchmal nur zehn-Sekunden-Video. Ich behaupte nicht, dass alles, was viral geht, falsch ist. Aber bestimmte Inhalte haben in diesem System einen strukturellen Vorteil: Nicht unbedingt das Wichtigste bekommt die größte Aufmerksamkeit, sondern das, was der größte Aufreger ist.

Diese Logik verändert auch den politischen Diskurs. Interessengruppen haben selbstverständlich das Recht, ihre Interessen zu vertreten. Gewerkschaften, Arbeitgeberverbände, Sozial- und Umweltverbände, Berufsverbände und Parteien sind Bestandteile unserer Demokratie. Aber aus „Diese Reform benachteiligt unsere Gruppe“ wird allzu leicht „Diese Reform gefährdet Menschenleben“. Aus einem politischen Konflikt wird ein gesellschaftlicher Notstand.

Auch Parteien haben gelernt, dass die zugespitzte Position mehr Aufmerksamkeit erhält als der differenzierte Kompromiss. Und klassische Medien stehen unter demselben Druck: Skandal, Konflikt und Empörung sind attraktiver als langsame Verbesserungen und komplizierte Zusammenhänge. So entsteht eine politische Öffentlichkeit, in der Aufmerksamkeit und Bedeutung zunehmend auseinanderfallen.

Wir reden mehr denn je über Politik. Gleichzeitig wird unsere Beteiligung flüchtiger: einen Beitrag teilen, einen Hashtag verwenden, eine Petition unterschreiben, kommentieren, protestieren und weiter zum nächsten Thema. Vielleicht sind die Menschen politischer geworden, aber ihre Politik ist flüchtiger.

Genau hier zeigt sich der Unterschied zu Hessels Verständnis von Empörung. Er wollte die Empörung politisieren. Die Plattformlogik ökonomisiert sie.

Ich möchte soziale Medien deshalb weder verteufeln noch missen. Sie haben unsere Öffentlichkeit demokratisiert und neue Möglichkeiten politischer Teilhabe geschaffen. Aber Demokratie braucht mehr als Reichweite. Sie braucht Wissen, Widerspruch, Geduld, Organisation und die Bereitschaft, Komplexität auszuhalten.

Empörung kann der Anfang von Politik sein. Sie kann uns aus der Gleichgültigkeit reißen und Ungerechtigkeit sichtbar machen. Stéphane Hessel sagte: „Empört euch!“ Heute stellt sich vielleicht weniger die Frage, ob wir uns empören, sondern was aus dieser Empörung entsteht. Politik endet nicht beim Post, sie beginnt vielleicht erst dort.