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Gabriela Heinrich bei der EGKGIn Deutschland herrscht ein eklatanter Mangel an Gebärdendolmetscherinnen und –dolmetschern. Das musste ich neulich am eigenen Leib erfahren. Barrierefreiheit heißt eben nicht nur Aufzüge und Niederflurbusse. 

Vor ein paar Monaten haben wir in Nürnberg eine Veranstaltung zum neuen Bundesteilhabegesetz durchgeführt. Mein Büro und ich hatten blauäugig gedacht, dass wir uns zwei Monate im Voraus um die Gebärdendolmetschung kümmern. Doch aus der Dolmetschung wurde nichts. Obwohl meine Mitarbeiterin und ich uns stundenlang hinters Telefon geklemmt hatten, konnten wir in ganz Süddeutschland niemanden finden, der die Veranstaltung dolmetschen hätte können.

Da liegt doch etwas im Argen, dachte ich mir. Und habe mich deshalb mit der Evangelischen Gebärdensprachlichen Gesamtkirchengemeinde (EGG) in Nürnberg getroffen, um mehr über Gebärdensprache, Teilhabe und Inklusion zu erfahren.

Was ist die EGG?

Die Evangelische Gebärdensprachliche Gesamtkirchengemeinde besteht bayernweit aus 15 Gemeinden und zählt 2400 Mitglieder. In Nürnberg betreiben die Mitarbeiterinnen zusätzlich zur Seelsorge ein Teilhabezentrum, wo sie offene Behindertenarbeit anbieten und Veranstaltungen stattfinden. Zusätzlich arbeitet die EGG mit dem Verein „Jugend, Soziales und Bildung“ daran, Arbeitsplätze für Gehörlose zu schaffen und gehörlosen Menschen in prekären Situationen zur Seite zu stehen. Ich habe bei der EGG die folgenden Informationen bekommen:

Gravierender Mangel

Auf 80.000 Gehörlose kommen deutschlandweit nur 950 Dolmetscherinnen und Dolmetscher. Zu tun hat das auch mit der (insgesamt natürlich zu begrüßenden) inklusiven Beschulung: Viele Dolmetscherinnen und Dolmetscher sind dort gebunden und stehen dann außerhalb der Schulen nicht mehr zur Verfügung.

Unser Gespräch, das wir in Nürnberg führten, wurde von einer Dolmetscherin und einem Dolmetscher begleitet, die bei der EGG fest angestellt sind. Die meisten Einrichtungen kümmern sich lediglich zum Anlass von Veranstaltungen um eine Übersetzung. Aber gehörlosen Menschen würde es schon viel bringen, wenn mehr Menschen

Grundkenntnisse auf ihrem Sprachkanal hätten, vom Arzt bis zum Zugschaffner. In diese Richtung geht ein Ansatz des Hans-Sachs-Gymnasiums in Nürnberg: Hier werden Gebärdensprachkurse als Wahlfach angeboten, an denen jede und jeder teilnehmen kann. Neben mehr Gebärdensprachdolmetscherinnen und –dolmetschern brauchen wir also auch mehr Lehrende, die im Rahmen von Kursen Grundlagen in Gebärdensprache vermitteln, z.B. für Beschäftigte öffentlicher Ämter und Einrichtungen, aber auch für alle anderen Interessierten.

Weitere Barrieren

Doch auch abgesehen von der geringen Anzahl von Dolmetschenden gibt es Barrieren für Gehörlose: Noch immer müssen sich viele von ihnen mit einer großen Bürokratie auseinandersetzen, um einen Job zu bekommen. Hinzu kommen finanzielle Hürden in allen möglichen Lebensbereichen. Aus Sicht der Gehörlosen wird hier zu wenig getan: Aufzüge und Barrierefreiheit auf materieller Ebene, um Menschen im Rollstuhl teilhaben zu lassen, gebe es immer mehr – wenn auch nicht genug. Aber auf der kulturellen Ebene passiere zu wenig.

Was können wir also tun?

Wichtig ist, Strukturen zu verbessern. So muss Teilhabe für Gehörlose besser verankert werden, es muss Fortbildungen für städtische Ämter geben, es muss ein ständiges Angebot von Dolmetschern in der Stadt geben. Dozierende in und Menschen mit Kundenkontakt sollten ermutigt werden, die Grundlagen der Gebärdensprache und der dahinter verborgenen Kultur zu erlernen. Die Finanzierung von Institutionen für Gehörlose muss ausgedehnt werden, wir müssen mehr Dolmetscher ausbilden. Das alles habe ich mir gut gemerkt und hoffe, es in der nächsten Legislatur auf den Tisch bringen zu können.

Ich habe auch noch gelernt, wie ich „Hallo“ und „Danke“ in Gebärdensprache sage. Recht intuitive Bewegungen eigentlich, nicht schwer zu merken. Was allerdings ganz wichtig ist: Immer auf den Augenkontakt achten.

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