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Gabriela Heinrich in ihrem BüroWie entsteht Falschinformation, wie verbreitet sie sich und warum ist es so schwer, die Falschmeldungen richtigzustellen? 

Die Stiftung Neue Verantwortung hat im halben Jahr vor der Bundestagswahl untersucht, wie Fake-News entstehen, wie sie sich verbreiten und wer sie verbreitet. Ich war diese Woche bei einer Veranstaltung, in der die Ergebnisse der Studie vorgestellt wurden.

Welche waren die Haupt-Ergebnisse?

Fake-News entstehen meistens nicht dadurch, dass jemand sich die Falschmeldung ausdenkt und dann versucht, sie im Netz zu verbreiten. Häufiger sind journalistische Fehler („poor journalism“), Schlamperei, Übermittlungsfehler oder Ungenauigkeit in der ursprünglichen Meldung der Grund, warum sich etwas überhaupt fehlinterpretieren und für eigene zweifelhafte Zwecke einsetzen lässt.

Ein Beispiel, das ich hier etwas verkürzt wiedergebe: Die Polizei gab eine Pressemitteilung über ein Volksfest im baden-württembergischen Schorndorf heraus. Darin hieß es, drei sexuelle Übergriffe wurden gezählt, ein Iraker wurde festgenommen. Später, so die Polizei weiter, hätten sich 1000 Jugendliche ganz woanders versammelt, darunter viele mit Migrationshintergrund, vereinzelt wurde randaliert. Die dpa machte daraus die Meldung, 1000 Randalierer mit Migrationshintergrund hätten sich versammelt. Zeitungsredaktionen übernahmen die dpa-Meldung ungeprüft und machten daraus Schlagzeilen wie „Schwere Krawalle überschatten Fest“. Jetzt instrumentalisierte die AfD das Ganze und postete auf Facebook von einer „islamischen Grapschparty“. Es gab zwar mehrere Richtigstellungen ein paar Tage später (von der Polizei, der dpa und den Medien). Aber diese Richtigstellungen erreichten lange nicht so viele Menschen wie die Falschnachricht.

Solche Muster hat die Stiftung Neue Verantwortung immer wieder entdeckt. In der Zusammenfassung der Studie schreiben die Autoren:

In allen von uns dokumentierten Fällen nutzen rechtspopulistische Akteure diese Ungenauigkeiten und instrumentalisieren diese für ihre ideologische Kampagne als Teil ihrer Kommunikationsstrategie.

Fake News […] werden vor allem von Rechten, Rechtspopulist:innen und Rechtsextremen verbreitet. Dabei bildet die AfD die Speerspitze der Verbreitung.

Gibt es Handlungsbedarf für die Politik?

Ja! Zuerst einmal verdient Facebook mit Fake-News Geld. Klicks bringen Geld. Aufregung und (vermeintliche) Skandale bringen Klicks und Geld. Je größer, schlimmer und dramatischer, umso besser. Sachlichkeit ist dagegen langweilig und bringt kein Geld. Hier ist weiterhin die Offenlegung der Facebook-Algorithmen zu fordern, denn Facebook entscheidet, wer was zu sehen bekommt.

Zweitens ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht auszudünnen. Nur gut ausgestattete Redaktionen, die nicht andauernd unter großem Zeitdruck arbeiten, können vernünftige Meldungen herausgeben. Aber auch Verantwortungsbewusstsein bei Journalisten, Redaktionen und Medien ist gefragt. Denn gerade Online-Portale von Zeitungen und Zeitschriften stehen stets vor der Frage, wie sie Klickzahlen steigern – und ob sie dafür im Zweifel auch auf Skandalisierung statt auf Sachlichkeit setzen.

Und drittens haben wir einen langen, steinigen Weg vor uns: Mehr Bildung, mehr Medienkompetenz und mehr Skepsis in die Köpfe der Menschen zu bringen. Wer hiervon mehr hat, geht dem Geschrei der Fake-News nicht so leicht auf den Leim.

Weitere Informationen

Hier kann man sich die ganze Studie als PDF herunterladen

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