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Sprache in der PolitikEin gesellschaftliche Debatte, eine Plenardebatte, eine Diskussion in der Arbeitsgruppe. Sprache überall! Ich beobachte zurzeit viele neue Wörter und neue Bedeutungen.

Schon immer hat es neue Wörter gegeben – entweder neu erfunden, neu zusammengesetzt oder aus anderen Sprachen übernommen. Und auch schon immer wurde alles das kritisiert. Ich bin mir sicher, dass es im 18. Jahrhundert nicht jedem Professor gefallen hat, wenn seine Studenten statt „Geld“ plötzlich „Kies“ sagten (übernommen aus der Gaunersprache des Mittelalters, dem Rotwelschen). Sprachvereine und deren Nachfolger versuchen seit Jahrhunderten, Fremdwörter einzudeutschen (z.B. schon im 17. Jahrhundert Jungfernzwinger für „Kloster“, im 19. Jahrhundert z.B. Rauchrolle für „Zigarre“).

Wortneuschöpfungen sind manchmal sehr treffend

Neues wurde und wird auch ganz bewusst aus bestehendem Sprachmaterial zusammengesetzt. Ich kann mich noch immer wegschmeißen, wenn ich sogar in ernstgemeinten Texten das Wort Aluhut lese. Das trifft‘s doch auch wirklich gut, oder? Manchmal werden neue Wörter auch in anderen Sprachen erfunden. Weil sie knackig etwas auf den Punkt bringen, werden sie dann ins Deutsche übernommen. Leider hat sich vertrumpt nicht durchgesetz (noch nicht!).

Oder werden mit schlechten Absichten erfunden

Oft sollen solche neuen Zusammensetzungen aber auch irgendetwas beschönigen, verschleiern, umdeuten. Die Unworte des Jahres 2020 waren Rückführungspatenschaften und Corona-Diktatur. Sagt alles. Neue Wörter werden auch ganz bewusst für Propaganda eingesetzt. Ich mag hier gar nicht den ganzen rechtspopulistischen Käse zitieren, hier ist das Konzept des politischen Framings unter anderem am Beispiel „Asyltourismus“ gut zusammengefasst.

Neusprech in der gegenwärtigen Politik

Der politische Betrieb ist natürlich auch voll mit neuen Wörtern. Schauen Sie sich zum Beispiel mal diese Liste mit neuen Wörtern in der Pandemie an – von treffend bis propagandistisch alles dabei. Was ich derzeit auch beobachte, ist die inflationäre Häufung denglischer Konstruktionen, die es allerdings schon länger gibt: Erinnerst Du das? Hattest Du Spaß? Macht das Sinn?

Etwas schwieriger wahrzunehmen, dafür aber umso interessanter, sind neue Bedeutungen: Plötzlich schwingt bei Sätzen, die bisher völlig harmlos waren, etwas ganz anderes mit. Beispiele: Das müssen wir zeitnah umsetzen bedeutet im politischen Alltag oft, dass es sicherlich nie umgesetzt wird. Kollege X, Du hältst das nach, oder? Diese Frage weist deutlich darauf hin, dass das Thema am besten von allen Beteiligten schon fünf Minuten später vergessen werden sollte. Der freudige Ausruf da bin ich ganz bei Dir! sagt dem Gegenüber nichts anderes, als dass ich dieses nicht ganz doof finde, jetzt aber selbst meine Sichtweise der Dinge darlegen möchte.

Interessant ist auch das Wort unterkomplex. Wer „unterkomplex“ sagt, fällt ein Urteil vom hohen Ross – das finde ich sehr treffend. Einerseits. Andererseits schwingt auch manchmal ein gewisses Bedauern mit, dass sich Debatten gar nicht mehr mit der eigentlichen Komplexität des Themas befassen. Unterkomplex kann also der Hoffnung Ausdruck verleihen, ein Problem durchzudiskutieren und nach der Diskussion eine Lösung oder zumindest die eigentliche Problemstellung auf den Tisch zu bringen. Gerade das Themen-Hopping, geprägt durch Talkshows und Social-Media-Aufreger, führt doch geradezu in einen Teufelskreis der Unterkomplexität! Sind Sie da bei mir? 🙂